Am 7. Januar 1978 erschien in der iranischen Tageszeitung Ettelā‘āt unter dem Pseudonym Ahmad Rashidi Motlagh ein Artikel mit dem Titel »Iran und der schwarze und rote Kolonialismus«.1 Der Text war eine Schmähschrift gegen den im Exil lebenden Ajatollah Ruhollah Chomeini. Sein argumentativer Kern aber war eine Beobachtung, die jenseits der Polemik stehenblieb und die heute, fast ein halbes Jahrhundert später, präziser anwendbar ist als jemals zuvor: dass die scheinbar entgegengesetzten Kräfte des religiösen Fundamentalismus (»schwarz«, die Farbe der Geistlichkeit) und des marxistisch-revolutionären Sozialismus (»rot«, die Farbe der Tudeh-Partei und ihrer sowjetischen Geldgeber) in einem entscheidenden Punkt übereinstimmten: in der Feindschaft gegen die liberale, säkulare, sich modernisierende Gesellschaft.
Der Anonymus der Ettelā‘āt formulierte es so: Die »reaktionärsten und fundamentalistischsten Schichten« hätten 1963 Hand in Hand mit Großgrundbesitzern und »Elementen der Tudeh-Partei« versucht, die Bodenreform, die Frauenemanzipation und die Verstaatlichung der Wälder zu verhindern. Geistliche Reaktion und kommunistische Avantgarde, sonst Todfeinde, fanden zueinander in dem Augenblick, in dem ein Modernisierungsprojekt sie beide ihrer jeweiligen Mobilisierungsbasis zu berauben drohte: dem Mullah seinen Madrasa-Schüler, dem Funktionär seinen entrechteten Bauern.
Der Artikel löste, wie der Anonymus nicht beabsichtigt hatte, genau die Mobilisierung aus, vor der er warnte. Zwei Tage nach Erscheinen schoss die Armee in Qom in eine Demonstration; im 40-Tage-Rhythmus folgten Trauerzüge, neue Tote, neue Trauerzüge. Ein Jahr später war Chomeini in Teheran und die Modernisierung Irans war beendet.2 Es war die erste erfolgreiche schwarz-rote Allianz der modernen Geschichte. Sie war nicht die letzte.
Was die Ettelā‘āt sah
Bevor man die Diagnose auf Deutschland im Jahr 2026 anwendet, lohnt es sich, das Original noch einmal genau zu lesen. Die Pointe des Artikels war nicht, dass Chomeini ein britischer Agent gewesen sei, das war Polemik. Die Pointe war eine soziologische: die Beobachtung, dass eine sich modernisierende Gesellschaft an zwei Frontlinien gleichzeitig angegriffen wird, und dass diese Frontlinien, obwohl scheinbar unvereinbar, ineinandergreifen.
Die »schwarze« Seite verteidigte die religiöse Kontrolle über Frauen, über das Schulwesen, über die Familie. Die »rote« Seite kämpfte gegen Privateigentum, gegen den Westen, gegen den »Imperialismus«. Beide Seiten teilten ein Feindbild: die selbstbewusste, säkulare, eigentumsfreundliche, technisch-rationale Bürgergesellschaft, die in Iran zwischen 1925 und 1978 entstanden war.3 Beide Seiten bedienten sich derselben Kategorien, wenn es ihnen nutzte: die Mullahs sprachen von »Gerechtigkeit« und »Unterdrückten«, die Marxisten von »authentischer Volkskultur« und »antiimperialistischer Befreiung«. Wo sich die Vokabulare überlappten, entstand eine Sprache, in der ein Tudeh-Funktionär einen Ajatollah unterstützen konnte und ein Ajatollah einen Tudeh-Funktionär. Die Sprache hieß: Antiwestlichkeit.
Das Ergebnis kennt man. Der Sturz des Schahs wurde von einer Koalition getragen, in der linke Studenten, Tudeh-Kader und islamische Geistliche Seite an Seite marschierten. Die Linken glaubten, sie würden Chomeini benutzen, um die Monarchie zu stürzen, und ihn danach beiseiteschieben. Tatsächlich hatte er sie binnen weniger Monate erschossen, gehängt oder ins Exil getrieben. Die Tudeh-Partei wurde 1983 verboten, ihre Führung in Schauprozessen zur Reue gezwungen, ein Großteil ihrer Mitglieder hingerichtet.4 Die Lehre war für jeden mit Augen im Kopf zu sehen: in einer schwarz-roten Allianz frisst Schwarz immer Rot. Aber die Linke, in Iran wie anderswo, hat ihre eigenen historischen Lehren noch nie gelernt.
Die zwei Säulen der heutigen Allianz
Die deutsche Konfiguration des Jahres 2026 unterscheidet sich von der iranischen Vorlage in Details, aber nicht in der Grundstruktur. Auf der einen Seite stehen islamistische und islamisch-konservative Strömungen, die ihre Mobilisierungsbasis aus einer schnell wachsenden, demografisch jungen muslimischen Bevölkerung schöpfen. Auf der anderen Seite steht eine Linke, die ihre traditionelle Klassenbasis in der Industriearbeiterschaft längst verloren hat und ihre politische Rechtfertigung mittlerweile fast ausschließlich aus dem Schutzversprechen gegenüber migrantischen und postkolonialen »Subjekten« bezieht. Die beiden Säulen tragen nicht denselben Bau, aber sie stützen einander an einer entscheidenden Stelle: in der gemeinsamen Ablehnung jeder ernsthaften Migrationskontrolle und jeder ernsthaften Integrationsforderung.
Die »schwarze« Säule ist nicht primär durch radikal-islamistische Vereine wie die durch "Kalifat-Demos" bekannt gewordene Hizb ut-Tahrir zu definieren. Diese Gruppen sind die sichtbarste, lauteste und zahlenmäßig kleinste Spitze. Der Verfassungsschutz rechnet ihnen 850 gesicherte Anhänger zu.5 Die soziale Realität dahinter ist eine andere. In Deutschland leben Anfang 2025 nach Zensus-Daten 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte, 26,3 Prozent der Bevölkerung; davon zwischen fünf und sechs Millionen Muslime, der größte Teil aus konservativ-religiös geprägten Herkunftsländern.6 Die überwältigende Mehrheit dieser Menschen ist nicht extremistisch. Aber die kulturelle Schwerkraft, mit der sie über Jahrzehnte den öffentlichen Raum bestimmter Stadtviertel verändern, ist eine Tatsache, die jeder offen aussprechen kann, der einmal nüchtern durch Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder Essen-Altendorf gegangen ist. Heinz Buschkowsky, von 2001 bis 2015 SPD-Bezirksbürgermeister von Neukölln, hat das, was er »schleichende Landnahme« nannte, in zwei Büchern dokumentiert: das Verschwinden des säkularen Alltags, die Etablierung paralleler Strukturen, das Erstarken einer Religion, die in Form ihrer konservativsten Auslegung in den Alltag eingreift.7 Polizeigewerkschaftsfunktionäre sprechen seit über einem Jahrzehnt offen von »No-Go-Areas«.8 Der britische Telegraph fasste im November 2025 zusammen, was deutsche Beobachter aus politischen Gründen kaum auszusprechen wagen: dass deutsche Innenstädte in einem Tempo ihren kulturellen Charakter verändern, das von den verfassungsmäßigen Institutionen nicht mehr ernsthaft kontrolliert wird.9
Diese Verschiebung ist das ungeplante Resultat einer Entscheidung der Jahre 2015/16, die seither fortgeschrieben wurde. Die Zahl der Schutzsuchenden in Deutschland ist zwischen 2012 und Ende 2024 von 550.000 auf knapp 3,3 Millionen gestiegen. 32,8 Prozent aller Asylerstantragsteller 2024 waren männlich und zwischen 16 und 29 Jahre alt, eine Quote, die das Vierfache des entsprechenden Anteils in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund beträgt.10 Das ist die demografische Größenordnung, in der sich die »schwarze« Säule reproduziert.
Die »rote« Säule ist die merkwürdigere, weil sie ohne erkennbaren materiellen Zwang das tut, was die iranische Linke 1978 nur unter dem Druck eines real existierenden Bürgerkriegs tat. Wer das für Polemik hält, lese das Programm der Partei Die Linke. Dort heißt es wörtlich: »DIE LINKE steht für offene Grenzen für alle Menschen.« Quoten, Kontingente oder Punktesysteme zur Steuerung der Zuwanderung lehnt die Partei ausdrücklich ab. Sie fordert das aktive und passive Wahlrecht für alle langfristig in Deutschland lebenden Menschen, einen Rechtsanspruch auf Einbürgerung nach fünf Jahren, »Legalisierungsmöglichkeiten für Menschen ohne Aufenthaltsstatus«, also de facto die Abschaffung des Konzepts der illegalen Einwanderung. Sie lehnt »alle bisherigen Asylrechtsverschärfungen« ab. Abschiebungen lehnt sie ab.11 Diese Positionen sind in den letzten zehn Jahren zur Mehrheitsposition der außerparlamentarischen Linken geworden, sie finden sich in abgeschwächter Form auch im linken Flügel der SPD und der Grünen. Die Antifa-Szene mobilisiert seit den 1990ern mit Slogans wie »Kein Mensch ist illegal«, »Feuer und Flamme den Abschiebebehörden«, »Grenzen von der Karte streichen«.12 Wie das »neue deutschland« 2023 selbstkritisch feststellte: »Nur deutsche Linke fordern offene Grenzen für alle.«13
Wo sich Schwarz und Rot treffen
Die Allianz von 2026 hält, weil beide Seiten, ohne dass das jemals offen ausgesprochen werden müsste, ein gemeinsames Interesse an demselben Zustand haben: einer Bundesrepublik, in der die ungesteuerte Migration aus muslimisch geprägten Regionen weitergeht, in der jede Forderung nach Anpassung an die liberale, säkulare deutsche Verfassungsordnung als »Rassismus« delegitimiert wird, und in der die kulturelle Hegemonie der bürgerlichen Mitte schrittweise erodiert.
Für die »schwarze« Säule ist dieses Interesse demografisch. Jede neue Million junger Männer aus Syrien, Afghanistan, Somalia, Pakistan vergrößert das Reservoir, aus dem sich konservative Moscheevereine, türkisch-staatlich gesteuerte DITIB-Strukturen und im Extrem auch Hizb ut-Tahrir und ihre Nachfolgeformate bedienen. Wo demografisch eine kritische Masse erreicht ist, kippt die Sozialdynamik des Stadtviertels. Niemand muss dafür ein Kalifat ausrufen. Es genügt, wenn die ungesteuerte Migration weiterläuft.
Für die »rote« Säule ist dieses Interesse identitätsstiftend. Die deutsche Linke des Jahres 2026 lebt nicht mehr von der materiellen Verbesserung der Lebensverhältnisse einer bestimmten sozialen Klasse, sondern von der moralischen Verteidigung einer Reihe identitärer Subjekte, deren wichtigstes der »migrantisierte«, »postkoloniale« Mensch ist. Würde diese Linke der Forderung nach geordneter Einwanderung zustimmen, würde sie ihre eigene Geschäftsgrundlage zerstören. Sie hätte kein Subjekt mehr zu verteidigen.
So entsteht eine Konstellation, die der iranischen von 1978 strukturell präzise gleicht. Ein Islamist auf einer Kalifat-Demonstration am Hamburger Steindamm und ein Antifa-Aktivist in Berlin-Friedrichshain sind ideologisch Gegensätze, die sich gegenseitig bei Gelegenheit erschießen würden. Aber im konkreten politischen Augenblick haben beide ein Interesse daran, dass die nächste Abschiebung nicht durchgeführt wird, dass das nächste Asylverfahren nicht beschleunigt wird, dass die nächste deutsche Politikerin, die eine Migrationsobergrenze fordert, als »Rassistin« ihrer Partei verlustig geht.
Was diesen Mechanismus stabilisiert, ist eine deutsche Eigenart: die strukturelle Unfähigkeit eines bedeutenden Teils der bundesrepublikanischen Eliten, zwischen legitimer Migrationskritik und Rechtsextremismus zu unterscheiden. Wer den Anteil junger männlicher Tatverdächtiger aus bestimmten Herkunftsländern in der Polizeilichen Kriminalstatistik benennt (8,8 Prozent der Tatverdächtigen außerhalb ausländerrechtlicher Verstöße bei einem Bevölkerungsanteil von etwa vier Prozent), gilt als jemand, der »Menschen mit Migrationsgeschichte zum Sicherheitsproblem macht«.14 Wer öffentlich darauf hinweist, dass eine bestimmte religiöse Praxis, arrangierte Ehe, Schleierzwang für Mädchen, weibliche Genitalbeschneidung, Ehrenmorde, mit dem Grundgesetz unvereinbar ist, riskiert seine berufliche Existenz. Eine Sahra Wagenknecht gilt der eigenen ehemaligen Partei als Verräterin. Eine Necla Kelek wird als »Islamfeindin« diskreditiert. Eine Seyran Ateş lebt unter Polizeischutz, und die deutsche Linke schweigt zu dieser Bedrohung, weil eine Verteidigung Ateş' »Islamophobie« nähren könnte. Es ist, mit anderen Worten, genau jene Konstellation, in der 1978 in Iran die feministischen, säkularen, sozialdemokratischen Strömungen zwischen Schah und Chomeini zerrieben wurden.
Was die Linke nicht sieht
Bahman Nirumand, einer der intellektuellen Köpfe der iranischen Linken in der Bundesrepublik, hat 1987, acht Jahre nach der Revolution, ein Buch geschrieben mit dem Titel »Mit Gott für die Macht«. Es ist ein bemerkenswertes Dokument der Selbstkritik. Nirumand, der 1979 wie viele andere deutsche und iranische Linke Chomeini als »antiimperialistischen Volksführer« begrüßt hatte, beschreibt darin, wie die iranische Linke sich von den Mullahs hatte instrumentalisieren lassen, wie sie die Warnsignale ignorierte, wie sie ihrer eigenen ideologischen Brille mehr glaubte als ihren Augen. Er war 1967 mit dem Buch »Persien, Modell eines Entwicklungslandes« berühmt geworden, das Teil der ideologischen Grundausstattung der westdeutschen 68er-Bewegung war und die Pahlavi-Modernisierung als kolonialen Albtraum porträtierte. Zwölf Jahre später war jeder Satz dieser Geschichte von der Realität widerlegt, und Nirumand hatte zumindest den Anstand, das öffentlich einzugestehen.15
Die deutsche Linke des Jahres 2026 hat dieses Buch nicht gelesen. Sie wird es auch nicht lesen. Das Versprechen der schwarz-roten Allianz ist für die Linke immer dasselbe: sie glaubt, sie sei die Avantgarde, sie sei das Gehirn des Bündnisses, sie werde die religiöse Massenbasis nach dem Sieg in eine progressive Richtung lenken. Es ist ein Versprechen, das von Iran 1979 bis zum ägyptischen Tahrir 2011 in regelmäßigen Abständen widerlegt worden ist, ohne dass die Linke daraus jemals gelernt hätte. In jedem dieser Fälle hat die religiöse Massenbasis nach dem Sieg ihre linken Hilfskräfte umgehend marginalisiert, oft erschossen.
Die Probe aufs Exempel: Iran 2026
Wer wissen will, wie ehrlich die deutsche Linke des Jahres 2026 mit ihren eigenen Begriffen wirklich ist, mit »Frauenrechten«, »Demokratie«, »Befreiung von der Diktatur«, muss nicht spekulieren. Es gibt seit Ende Dezember 2025 ein laufendes Experiment, das die Antwort liefert. Es heißt Iran.
Seit dem 28. Dezember 2025 steht Iran in offenem Aufstand. Finaler Auslöser war der Absturz des iranischen Rial auf einen Rekordtiefstand bei einer Inflationsrate von über 42 Prozent, eine wirtschaftliche Folge des zwölftägigen israelisch-iranischen Krieges vom Sommer 2025. Was als Streik der Basari, der Händler des großen Bazars von Teheran, begann, weitete sich binnen Tagen zu einer landesweiten Erhebung aus. Am 8. und 9. Januar 2026 wurde Teheran durch das Regime in einen Belagerungszustand versetzt; Augenzeugen sprachen vom »absoluten Ausnahmezustand«. Iranische Mediziner berichteten dem Guardian von überfüllten Krankenhäusern; eine Ärztin meldete allein in Teheran über 200 Tote in einer einzigen Nacht. Die Justizbehörden wiesen die Staatsanwaltschaft am 5. Januar 2026 an, gegen Demonstranten »keine Nachsicht« zu zeigen und die Verfahren zu beschleunigen. Schätzungen der Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg, gestützt auf Berichte iranischer Ärzte, gehen von bis zu 18.000 Toten und 300.000 Verletzten aus, andere Quellen Sprechen von 30.000 - 40.000 Toten. Die niedrigeren, regimeoffiziellen Zahlen sprechen von rund 5.000 Toten. Was zwischen den beiden Werten liegt, ist die schiere Größe des Verbrechens, das sich seit Mitte Januar 2026 in iranischen Gefängnissen, Hinrichtungstrakten und auf den Straßen vollzogen hat.16
An vorderster Front dieser Erhebung stehen, wie schon 2022, die Frauen. Frauen, die sich öffentlich die Haare abschneiden. Frauen, die ihre Kopftücher verbrennen. Frauen, die in dem präzisen Wissen auf die Straße gehen, dass sie dafür vom Regime erschossen, gefoltert oder vergewaltigt werden können.
Was die Erhebung des Januar 2026 jedoch von der »Frau, Leben, Freiheit«-Welle 2022 unterscheidet, ist nicht die Beteiligung der Frauen, sondern die politische Sprache, in der sich die Erhebung artikuliert. Drei Parolen sind in praktisch allen Provinzen und Städten gerufen worden, von Teheran bis Mashhad, von Schiraz bis Täbriz, von Isfahan bis Ahwaz. Hinter diesen Parolen versammeln sich Frauen und Männer, Perser und Aseri, Kurden und Belutschen, religiöse und säkulare Iraner. Es sind Parolen, die für die deutsche Linke einen Stachel in jedes ihrer Iran-Narrative treiben.
Die erste lautet »Javid Shah« - »Es lebe der Schah«. Es ist die direkte, beinahe trotzige Berufung auf die Pahlavi-Modernisierung, die in der westlichen Erinnerungskultur als »Diktatur« katalogisiert ist und in der iranischen Volkserinnerung als die einzige Periode säkularer Freiheit, weiblicher Bildung und wirtschaftlicher Prosperität, die das Land seit Jahrhunderten erlebt hat.
Die zweite lautet »Pahlavi Barmigardeh« - »Pahlavi kommt zurück«. Sie wird in der iranischen Diaspora als Versprechen, in der Heimat als Hoffnung gerufen. Sie macht aus dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs eine messianische Figur einer kommenden Restauration. Wer wissen will, was Iraner unter »Befreiung« verstehen, muss diese Parole nicht interpretieren, er muss sie nur hören.
Die dritte ist die schärfste, weil sie die ideologische Topographie der iranischen Geschichte seit 1979 explizit durchschneidet. Sie lautet »Marg bar se fased: Mulla, Chapi, Mojahed« - »Nieder mit den drei Korrupten: Mullahs, Linke, Mojahed«. Sie nennt die drei Kräfte, die 1979 die schwarz-rote Allianz gegen den Schah getragen haben, in einem Atemzug, mit einer einzigen Forderung, in der einzigen Sprache, die das iranische Volk für sie übrig hat: Nieder mit ihnen.17
Die deutsche Linke des Jahres 2026, die seit Oktober 2023 jede Woche für Gaza marschiert ist, schwieg zu den Massakern des Januar 2026 fast vollständig. Die großen propalästinensischen Bündnisse riefen zu keiner einzigen Solidaritätsdemonstration mit den Demonstranten von Teheran auf. Die Hörsäle der Humboldt-Universität, im April 2025 für eine Hamas-affine Kundgebung besetzt, blieben für die hingerichteten Iranerinnen geschlossen. Das ist die erste Probe aufs Exempel: Eine Linke, die für palästinensische Opfer Hörsäle besetzt, aber nicht für iranische Opfer, ist keine humanitäre Bewegung. Sie ist eine politisch-ideologische Bewegung, die sehr genau weiß, welche Opfer in ihr Erzählraster passen und welche nicht.
Die zweite Probe ist die persische Parole selbst. »Marg bar se fased: Mulla, Chapi, Mojahed« ist nicht ein zufälliges Schimpfwort, sondern eine soziologisch-historische Diagnose, die sich nahtlos in die Diagnose der Ettelā‘āt von 1978 einfügt. Das iranische Volk, nicht eine westliche Beobachtergruppe, nicht ein konservativer Think Tank, sondern die Demonstranten in Teheran, Mashhad und Schiraz, hat die schwarz-rote Allianz benannt, die ihr Land 1979 ins Mittelalter zurückgeworfen hat: die Mullahs, die Linken, die Volksmudschahedin. Sie haben sie nicht nur benannt, sie haben sie als das identifiziert, was sie war und ist: »fased«, korrupt, in einer Bedeutung, die das Wort »korrupt« kaum hinreichend übersetzt: moralisch verdorben, gesellschaftlich destruktiv, politisch verheerend.
Wer diese Parole hört, hat keinen Spielraum mehr für die seit zwei Generationen gepflegte Erzählung der westeuropäischen Linken, dass die Iraner zwischen einer korrupten westlichen Marionette und einer authentischen islamisch-sozialistischen Volksbewegung gewählt hätten. Die Iraner haben gerade, im Januar 2026, im Belagerungszustand, unter dem Beschuss der Revolutionsgarden, unmissverständlich klargestellt, dass sie weder das eine noch das andere wollen. Sie wollen die Pahlavis zurück.
Reza Pahlavi in Berlin, 23. April 2026
Am 23. April 2026 hielt Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs und Enkel des Modernisierers Reza Shah I., eine Pressekonferenz in der Bundespressekonferenz Berlin. Es war Teil einer mehrwöchigen Europareise, mit der Pahlavi nach den Januar-Protesten, den Massakern an der iranischen Bevölkerung und dem zweiten israelisch-amerikanischen Krieg gegen das Regime, der seit dem 28. Februar 2026 läuft, internationale Unterstützung für eine demokratische Transition in Iran sucht. Im Kontext des Krieges wurde am ersten Tag der Operation der oberste Führer Ali Khamenei durch einen israelischen Luftschlag getötet. Sein Sohn Modschtaba wurde sechs Tage später als Nachfolger eingesetzt: die dynastische Erbfolge in der angeblich »antimonarchistischen« Islamischen Republik.18
Pahlavis Anliegen ist weder vage noch improvisiert. Am 30. April 2025 hat er in Washington das Iran Prosperity Project (IPP) offiziell vorgestellt: einen detaillierten, von über 70 iranischen Fachleuten ausgearbeiteten Übergangsplan für den Tag nach dem Sturz der Islamischen Republik, der inzwischen in einem über vierzehn Politikfelder spannenden Booklet vorliegt. Das Booklet schlägt für die ersten 180 Tage nach dem Regimesturz eine »Notphase« vor, geführt von einem dreigliedrigen Übergangssystem (Mehestan als Übergangsparlament, Übergangsregierung, Übergangsdivan als Justiz) unter der Leitung Pahlavis als »Anführer des nationalen Aufstands«. Die Verfassung der Islamischen Republik wird per Dekret abgeschafft, die Revolutionsgarden, der Wächterrat und die Sittenpolizei aufgelöst. Innerhalb von höchstens zwei Jahren soll ein Referendum entscheiden, ob Iran eine demokratische, konstitutionelle Monarchie oder eine Republik wird. Pahlavi hat dabei mehrfach öffentlich erklärt, er sei »eine Brücke, nicht das Ziel«. Im März 2026 hat er die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, den Schriftsteller Iraj Mesdaghi, die Schiedsrichterin Leyla Bahmany und den Rechtsgelehrten Afshin Ellian in den Verfassungsausschuss berufen.19
Das ist, mit anderen Worten, das Gegenteil eines Phrasenpapiers. Es ist ein Übergangsplan im Stil der polnischen Verfassungsrunden von 1989 oder der südafrikanischen Übergangsverhandlungen von 1993/94. Wer ihn liest, findet darin die Programmatik einer demokratischen Restauration, die in der iranischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ihresgleichen sucht: säkular, marktwirtschaftlich, eigentumsfreundlich, an die Universale Erklärung der Menschenrechte gebunden, mit eingebauten Garantien für Gewaltenteilung und Minderheitenschutz. Pahlavi beruft sich darüber hinaus auf die Unterstützung von Millionen Iranern, die seit 2022 unter dem Slogan »Frau, Leben, Freiheit« und seit Januar 2026 unter den oben zitierten Parolen gegen das Regime auf die Straße gehen. Seine Familie hat zwischen 1925 und 1979 das einzige Modernisierungsprojekt Irans betrieben, das die Bevölkerung dieses Landes je erlebt hat: die Befreiung der Frauen vom Schleierzwang 1936, die Einführung des Frauenwahlrechts 1963, die Universität Teheran, die Trans-Iranische Eisenbahn, eine säkulare Schule, ein Gesundheitssystem.
Die deutsche Reaktion auf Pahlavis Berlin-Besuch ist eine der aufschlussreichsten politischen Episoden des Jahres 2026. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte ausdrücklich, dass die deutsche Bundesregierung Pahlavi nicht treffen werde. Gesprächspartner sei »ausschließlich die amtierende Regierung in Teheran«, also genau jenes Regime, dessen Hinrichtungen die Bundesregierung gleichzeitig verurteilt. Pahlavi nannte das Verhalten in der Bundespressekonferenz wörtlich eine »Schande«.20
Die deutsche Mainstreampresse begleitete den Besuch mit einer Schärfe, die im selben Zeitraum keinem Vertreter der Mullah-Diktatur entgegengeschlagen ist. Die taz titelte »Viele Appelle, keine Lösungsvorschläge« und befand, Pahlavis Position bleibe »bei Phrasen. Und bei Vorwürfen«. Nach der Pressekonferenz wurde Pahlavi mit einer roten Flüssigkeit, ersten Berichten zufolge Tomatensoße, beschmiert; die Polizei nahm den Täter fest.21
Den größten Lärm machte ein offener Brief von 22 Persönlichkeiten und mehr als zwei Dutzend »deutsch-iranischen Gemeinschaften« an Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, der davor warnte, Pahlavi zu empfangen, weil er »kein vertrauenswürdiger Demokrat« sei und ein »autoritäres Modell« repräsentiere. Unter den deutschen Unterzeichnern: Joachim Rücker, ehemaliger Präsident des UN-Menschenrechtsrats, und Horst Teltschik, langjähriger Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz und früher außenpolitischer Berater Helmut Kohls. Die deutschen Medien gaben den Brief in der Regel kommentarlos wieder. Was sie nicht erwähnten, war die Identität der »Diaspora-Gemeinschaften«, die ihn organisiert hatten.22
Die in der Aktion sichtbarsten Akteure, die »Gesellschaft von Deutsch-Iranern« unter Hossein Yaghoubi, der »Nationale Widerstandsrat Iran« (NWRI), die »Organization of Iranian American Communities« (OIAC) und ein Geflecht aus rund zwei Dutzend lokalen Diaspora-Vereinen, sind, was die deutsche Presse ihren Lesern nicht mitteilt, das politische Vorfeld der Volksmudschahedin (Mojahedin-e Khalq, MEK), genauer: ihres Exilarms NCRI. Die MEK, 1965 von Teheraner Studenten gegründet, ist ideologisch ein Hybrid aus revolutionärem Schiitentum und Marxismus; sie hat 1979 Khomeinis Sturz des Schahs militant unterstützt, sich dann mit Khomeini überworfen, ist 1981 nach Frankreich, 1986 in den Irak Saddam Husseins geflohen, hat im Iran-Irak-Krieg 1980–88 auf irakischer Seite gegen die eigene Bevölkerung gekämpft, war von 1997 bis 2012 auf der US-Terrorliste und sitzt heute mit ihrer Führung in Albanien. Ihre Anhänger werden vom US-Außenministerium auf 5.000 bis 10.000 weltweit geschätzt, vor allem in Paris und anderen europäischen Hauptstädten. Die Selbstdarstellung der NCRI als »Parlament im Exil« mit angeblich Millionen Anhängern ist ein Lobby-Konstrukt, das von keiner unabhängigen Quelle bestätigt wird. Die OIAC, das amerikanische Pendant der deutschen Diaspora-Lobby, hat Pahlavi bereits 2023 in einem Manifest ausdrücklich als »kein Befürworter eines demokratischen Iran« denunziert.23
Die historische Pointe ist, dass die MEK damit präzise die schwarz-rote Allianz von 1979 ist, islamistisch und marxistisch zugleich, die der Anonymus der Ettelā‘āt sechs Wochen vor ihrer Machtergreifung beschrieben hatte, in derselben Person, in derselben Organisation. Sie ist, mit anderen Worten, das organische Erbe des Bündnisses, das Iran in den theokratischen Klerikofaschismus geführt hat, nur ohne das Glück, an die Macht gekommen zu sein. Dass diese Organisation 2026 die deutsche Diaspora-Empörung gegen Reza Pahlavi orchestriert und dass führende deutsche Politiker, ehemalige Diplomaten und das Auswärtige Amt darauf anspringen, ohne nach der Identität ihrer iranischen Stichwortgeber zu fragen, ist eine der präzisesten Illustrationen unserer Diagnose, die das Jahr 2026 bisher geliefert hat: Eine deutsche Öffentlichkeit, die sich gegen einen säkularen, demokratischen Reformer in Stellung bringen lässt, weil ihr eine islamisch-marxistische Sekte mit Saddam-Hussein-Vergangenheit das so souffliert, demonstriert die schwarz-rote Allianz nicht in der Theorie, sondern in der Anwendung.
Es lohnt sich, den Maßstab dieser Verurteilung zu betrachten. Im selben Jahrzehnt, in dem die Bundesrepublik mit dem iranischen Regime, das jährlich über tausend Menschen hinrichtet, das im Januar 2026 fünfstellige Opferzahlen produzierte, das Frauen für ein verrutschtes Kopftuch totprügeln lässt, weiterhin diplomatische Beziehungen unterhält und Geschäfte macht, wird der Vertreter einer im Exil lebenden, demokratischen Opposition mit Tomatensoße beworfen, von der Bundesregierung nicht empfangen, in der Mainstreampresse als »spaltende Figur« delegitimiert und auf Stichwort einer islamisch-marxistischen Kampforganisation aus den Trümmern des Iran-Irak-Krieges beschimpft. Wer dafür eine Rechtfertigung sucht, muss zu Argumenten greifen, die die deutsche Öffentlichkeit für die Hamas und für jeden anderen autoritären Akteur jenseits der politischen Mitte längst aufgegeben hat: dass der Vater und Großvater »diktatorisch« gewesen seien. Und in der Tat: Reza Shah I. war ein autoritärer Modernisierer, sein Sohn Mohammad Reza Shah ein autoritärer Konservativer. Beide haben in Iran Dinge geleistet, die das Mullah-Regime in 47 Jahren systematisch zerstört hat: säkulare Bildung, Frauenrechte, religiöse Toleranz, ein funktionierender Staat. Wer die Söhne und Enkel der Pahlavis nach den Maßstäben verurteilt, die er für die Erben der Khomeinisten und für die Volksmudschahedin nicht anlegt, übt keine demokratische Kritik. Er übt eine ideologische Selektion.
Die Demütigung, die kommt
Was die deutsche Linke und das ihr nahestehende Milieu in den Universitäten, Stiftungen und Redaktionen am Pahlavi-Besuch in Berlin so sichtbar verstörte, ist nicht primär die Person. Es ist die historische Möglichkeit, die er repräsentiert. Sollte das Mullah-Regime in den nächsten Monaten oder Jahren stürzen, und nach den Ereignissen vom Januar und Februar 2026 hält selbst Bundeskanzler Friedrich Merz das öffentlich für wahrscheinlich (»Ich gehe davon aus, dass wir jetzt hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen«)24, dann ist der wahrscheinlichste Anker für eine demokratische Transition Reza Pahlavi. Er ist in der iranischen Diaspora die mit Abstand bekannteste Figur. Er hat im Iran selbst eine Anhängerschaft, die in den Protesten von 2022 und 2025/26 mit den drei Parolen, die wir oben dokumentiert haben, in Erscheinung getreten ist: »Javid Shah«, »Pahlavi Barmigardeh«, »Marg bar se fased: Mulla, Chapi, Mojahed«. Und er hat, das ist die qualitative Neuerung gegenüber 1979, mit dem Iran Prosperity Project ein detailliertes, ausgearbeitetes Übergangsprogramm in der Hand, das von der Verfassungsfrage bis zur Energie-, Bildungs- und Sicherheitspolitik reicht.
Sollte die Pahlavi-Familie, die 1979 unter genau derselben schwarz-roten Allianz gestürzt worden ist, die wir oben beschrieben haben, in irgendeiner Form an der Wiederherstellung von Menschenrechten und säkularer Demokratie in Iran beteiligt sein, wäre das für die deutsche Linke eine ideologische Niederlage von einer Größenordnung, die sich kaum noch wegerklären lässt. Sie hätte 1979 die Falschen unterstützt. Sie hätte fast fünfzig Jahre lang die Mossadegh-Lüge erzählt, in der die CIA und das »kolonialistische Europa« die iranische Demokratie zerstört hätten, während es tatsächlich das Bündnis aus Mullahs, marxistischen Studenten und den Volksmudschahedin war, das die einzige Modernisierung Irans abgewickelt hat. Sie hätte sich, in der zweiten Runde, in einer angeblich antikolonialen, antiimperialen Empörung gegen genau das Restaurierungsprojekt gestellt, das die iranische Bevölkerung, allen voran die Frauen, tatsächlich will, und das sie 2026 in den Straßen von Teheran bis Mashhad Wort für Wort buchstabiert haben und wofür sie zu zehntausenden ermordet wurden.
Es ist diese drohende Demütigung, die den Ton der deutschen Pahlavi-Berichterstattung erklärt. Es geht nicht um Reza Pahlavi als historische Person. Es geht darum, dass seine bloße Existenz, sein Gesicht in der Bundespressekonferenz, seine Sätze über Demokratie und Freiheit, das Iran Prosperity Project mit Shirin Ebadi im Verfassungsausschuss, eine Geschichtserzählung in Frage stellen, an der die deutsche Linke seit zwei Generationen festhält. Die Erzählung, dass im Iran 1979 eine »Volksrevolution« stattgefunden habe. Die Erzählung, dass die Modernisierung der Pahlavis ein »kolonialistisches Projekt« gewesen sei. Die Erzählung, dass jede Kritik am politischen Islam »Islamophobie« sei. Die Erzählung, dass autoritäre Modernisierer und religiöse Diktatoren letztlich »beides Diktaturen« seien und nicht zu unterscheiden. Die Erzählung schließlich, dass die Volksmudschahedin, also die organisierte Fortsetzung der schwarz-roten Allianz von 1979, die »wahre demokratische Alternative« sei, während Pahlavi der »Restaurations-Reaktionär« sei, eine Inversion der Tatsachen, die nur funktioniert, solange das deutsche Publikum die ganze Geschichte nicht kennt.
Eine Wiederherstellung iranischer Demokratie unter der Schirmherrschaft der Pahlavis würde diese gesamte Erzählung vernichten. Sie würde, im Lichte einer demokratischen iranischen Realität, sichtbar machen, dass die »Linke« 1979 nicht auf der Seite der Befreiung stand, sondern auf der Seite Khomeinis. Sie würde sichtbar machen, dass das Pahlavi-Projekt, bei allen seinen autoritären Elementen, das einzige Modernisierungsprojekt war, das Iran je hatte. Sie würde, in der direkten Übertragung auf das deutsche Hier und Jetzt, sichtbar machen, dass die »Linke« 2026 in ihrem Verhältnis zur ungesteuerten Migration und zur Islamisierung deutscher Städte denselben Fehler begeht, den die Tudeh und die Mojahedin 1978 begangen haben: dass sie sich, im Namen einer abstrakten antikolonialen Solidarität, mit Kräften verbündet, die ihre eigenen Werte am gründlichsten verachten.
Es ist diese drohende Sichtbarkeit, die in Berlin im April 2026 mit Tomatensoße zugekleistert wurde. Es ist eine kleine Tat, von einem einzelnen Täter ausgeführt, polizeilich eingehegt. Aber es ist auch ein präzises Symbol: für die Bereitschaft eines Teils der deutschen Öffentlichkeit, die Wahrheit über das eigene historische Versagen lieber mit Soße zu überdecken, als sie auszusprechen.
Was zu tun bleibt
Die Diagnose des Anonymus der Ettelā‘āt war, jenseits aller Schmähung, soziologisch präzise. Eine offene, säkulare Bürgergesellschaft kann sich nicht erhalten, wenn sie an zwei Frontlinien gleichzeitig angegriffen wird, ohne dass eine dieser Frontlinien als Frontlinie überhaupt benannt werden darf. Was Iran 1978 nicht hatte, ist die Möglichkeit, das Problem öffentlich zu benennen, weil das Regime des Schahs in seiner Endphase weder die Kraft noch die Legitimität hatte, eine ehrliche öffentliche Diskussion zu führen. Was Iran 2026 hat, sind die Parolen, in denen die Bevölkerung selbst die Diagnose stellt: »Marg bar se fased: Mulla, Chapi, Mojahed.« Was Deutschland 2026 noch hat, ist die Möglichkeit, dieselbe Diagnose zu stellen, bevor man sie unter Lebensgefahr buchstabieren muss. Was es nicht mehr lange haben wird, ist die Zeit, sie zu nutzen.
Konkret bedeutet das: Eine Migrationspolitik, die diesen Namen verdient, muss steuern, nicht bloß registrieren. Sie muss Quoten setzen, Herkunftsländer differenziert behandeln, qualifikatorische Mindestanforderungen einführen und konsequent abschieben, was nach geltendem Recht abzuschieben ist. Sie muss anerkennen, dass kulturelle Prägungen Folgen haben und dass nicht jede Form religiöser Praxis mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Eine Integrationspolitik muss den Mut haben, Anpassung zu fordern, nicht bloß Anpassung zu hoffen. Eine Bildungspolitik muss verteidigen, was zu verteidigen ist: die säkulare Schule, den freien Diskurs, die Gleichberechtigung der Geschlechter, das Recht auf Religionswechsel und Atheismus, gegen jeden, der sie aus religiösen Gründen einschränken will. Eine politische Öffentlichkeit muss aufhören, jede ehrliche Diagnose der demografischen und kulturellen Realität als »Rassismus« zu kriminalisieren. Sie muss anfangen, zwischen einer rechtsextremen und einer bürgerlich-konservativen Migrationsskepsis zu unterscheiden, und Letztere als legitimen Bestandteil der demokratischen Debatte zu behandeln.
Eine deutsche Außenpolitik, die mehr sein will als Verwaltung des status quo, sollte zudem aufhören, sich von einer islamisch-marxistischen Sektenlobby diktieren zu lassen, mit wem sie zu reden hat und mit wem nicht. Sie sollte Reza Pahlavi und das Iran Prosperity Project mit der Ernsthaftigkeit behandeln, die der Sache angemessen ist. Sie sollte das iranische Volk nicht durch den Filter des Regimes und der MEK wahrnehmen, sondern durch das Filter dessen, was die Iraner selbst auf den Straßen rufen. Wenn die deutsche Bundesregierung im April 2026 erklärt, ihr Gesprächspartner sei »ausschließlich die amtierende Regierung in Teheran«, also Modschtaba Khamenei, der erbliche Sohn des durch Israel getöteten Diktators, dann ist das nicht Realismus. Es ist die Selbstpreisgabe einer demokratischen Außenpolitik vor einem Regime, das die eigene Bevölkerung totprügelt, und vor einer mörderischen Allianz, die diese Bevölkerung 1979 mit hängen geholfen hat.
Vor allem aber muss die deutsche Linke, soweit sie überhaupt noch ein politisches Subjekt ist, das den Namen verdient, in den Spiegel schauen, in den Bahman Nirumand 1987 zumindest oberflächlich geschaut hat. Sie muss sich fragen, ob die Verteidigung der ungesteuerten Migration, die Solidarität mit den lautesten Vertretern der konservativ-religiösen Pseudo-Diaspora, die Diskreditierung jeder Migrationskritik als Rassismus tatsächlich der Sozialismus ist, an den sie sich erinnern wollte, oder ob sie längst dabei ist, denselben Fehler zu machen, den die Tudeh-Partei und die Volksmudschahedin 1978 gemacht haben, mit denselben Konsequenzen, nur in größerem Maßstab. Sie muss sich auch fragen, warum sie 2026 ausgerechnet jene Organisation, die im Iran heute als »fased«, als »korrupt«, von der eigenen Bevölkerung verworfen wird, in Deutschland als Stichwortgeberin gegen den wichtigsten demokratischen Reformer des Nahen Ostens akzeptiert.
Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese Selbstprüfung stattfinden wird. Es liegt in der Natur historischer Lehren, dass diejenigen, die sie am dringendsten benötigen, sie am verlässlichsten ignorieren. Aber es gibt einen Grund, das Phänomen zu beschreiben, solange das in Deutschland noch ohne staatsanwaltschaftliche Konsequenzen möglich ist. Der Anonymus der Ettelā‘āt hatte dieses Privileg in den letzten Wochen seiner Existenz. Es war kürzer, als er glaubte.
Die Bundesrepublik des Jahres 2026 hat noch die Mittel, es besser zu machen. Sie hat noch den ökonomischen, institutionellen und kulturellen Spielraum, den der Schah von Iran 1978 nicht mehr hatte. Sie hat, ein Privileg, das niemand im Iran 1978 hatte, die Möglichkeit, aus dem Iran von 2026 zu lernen, statt ihn zu wiederholen. Was sie nicht hat, ist Zeit.